Dann bin ich ohne Segen nach Hause gegangen


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In der vergangenen Woche habe ich auf Empfehlung eine wohl sehr spirituelle (oder esoterische?) Veranstaltung in Berlin-Kreuzberg besucht, die mich inspiriert hat, diesen Artikel zu schreiben.

Spiritualität. Dieses Wort gewinnt immer mehr an Gewicht in unserem Alltag. Wenn es noch vor vielleicht sechs Monaten mehr hinter vorgehaltener Hand angesprochen wurde, ist es auf dem Weg, salonfähig zu werden. Mehr noch. Wer heute etwas auf sich hält, ist spirituell. Man sieht heute wie selbstverständlich weißes Licht und empfindet ein mehr müdes Lächeln für all diejenigen, die nicht mindestens drei Engel gesehen haben und täglich mit ihnen sprechen. Leben im jetzt hat das Marketing erobert. Ein roter Mobilfunkanbieter ist gar momentan bemüht, über diesen Slogan Kundschaft für das neu kreierte Paket zu gewinnen.
Spiritualität, Bewusstwerdung und Kraft des Universums – diese und andere Schlagwörter gehen durch die Medien, bestimmen die Buchtitel der Neuerscheinungen. Erleuchtete reisen um die Welt und bringen uns den Segen.
Mein Abend in Kreuzberg
Das versprach auch ein „Darshan“ in Kreuzberg, den ich besucht habe. Gegeben hat ihn ein spiritueller Meister aus Mauritius, wie ich dem Prospekt entnehmen konnte, den ewig langen Namen erspare ich uns jetzt einmal. Jedenfalls verrät das gefaltete Blatt Papier vor mir, dass dieser Meister Menschen auf ihrem spirituellen Weg unterstützt. Darum reist er weltweit, um zu lehren und Darshan zu geben. Es wird erläutert, das „Darshan“ aus dem Sanskrit stammt und bedeutet, einen Aspekt des Göttlichen in einer Statue, in einem Tempel, einem spirituellen Meister oder einer verehrten Persönlichkeit zu „sehen“.
Bevor der Meister die Bühne des Auditoriums einer Kreuzberger Schule betrat (dort warteten auf ihn ein überdimensionaler Sessel mit weißem Tuch überzogen und Kissen versehen; wohl eine Reihe seiner Jünger; ein Mikrofon; und eine Musikgruppe, die schon eine Stunde vor Veranstaltungsbeginn unentwegt und ohne erkennbaren Energieverlust Mantren sang, die wirklich gut anzuhören waren), ergriff eine etwas ältere Dame ein Mikrofon und fing an, uns vielleicht 450 Gäste zu belehren, wie wir uns zu verhalten hätten, wenn der Meister die Bühne betritt und im Saal ist. Parallel dazu durchstreifte eine andere Frau in völligem Weiß gekleidet den Saal mit streng prüfendem Blick, ermahnte vornehmlich das weibliche Publikum, Schultern zu bedecken und Knöpfe bis zum Hals zu schließen und kontrollierte auf dem Rückweg, ob ihre Anweisungen auch befolgt wurden.
Nun dachte ich, endlich den Meister zu Gesicht zubekommen, als sich plötzlich ein junger, etwas schlaksig wirkender Mann ein Mikrofon griff, um in seinem roten Gewand ohne Aufforderung und Vorstellung seines Namens drauf los zu reden, wie ergriffen er ist, täglich in der Nähe des Meisters zu sein und wie er jeden Tag hart arbeitet, um ihn eines Tages in sich zu tragen. Nur mit Mühe unterband er seinen Tränenfluss, gerührt von seinen eigenen Worten.
Ich nutzte den Auftritt des auf mich wie einen spirituellen Karrieristen wirkenden Emporkömmlings, um ins Gespräch mit meiner Nachbarin zu kommen. „Weißt Du vielleicht, wie sich der Meister finanziert? Immerhin ist die Veranstaltung ja kostenlos und er baut sich in Wiesbaden einen Tempel.“ „Na aus Spenden!“, gab sie mir spontan zur Antwort. Ich war erstaunt, denn immerhin reist er um die ganze Welt, scheint ein kleines Herr von Mitarbeitern zu beschäftigen und egal, welchen Gott er hier unten vertritt, ich glaube kaum, dass er ihm mal etwas zusteckt.
„Bist Du Dir sicher, dass er ausschließlich von Spenden lebt“, hakte ich deshalb nach und wollte in Erfahrung bringen, woher sie dies wüsste. „Na das weiß man eben. Spenden, steht doch im Flyer und unten ist auch ein Shop“, na eben, die 15 Euro teuren CD´s hatte ich schon wieder vergessen. „Und außerdem, was spielt es für eine Rolle. Hier geht es um den Segen den wir nachher erhalten und gut ist.“ Unser Gespräch war beendet.
Auch gut so, denn in diesem Moment kam der Meister endlich auf die Bühne. Und prompt sprangen die Gäste wie unterwiesen von den Sitzen hoch. Es gab stürmischen Applaus.
Und ein paar böse Blicke in Richtung meines Stuhls, denn ich saß immer noch. Als sich der Meister, der mich an eine indische oder südamerikanische Abstammung erinnerte, uns zuwandte und sich verbeugte, stand auch ich auf, verbeugte mich zum Gruß und setze mich wieder hin.
Dann begann der aus Mauritius kommende, eher wie ein Inder aussehende und in Deutschland lebende Meister seinen etwa 15-minütigen Vortag, auf Englisch (mit professioneller Übersetzung einer bestimmt aus der 13. Klasse des Gastgebers stammenden Schülerin). Gegen sein Gesagtes war nichts einzuwenden. Gleiches oder Ähnliches hatte ich nämlich bereits im Taoismus, vom Dalai Lama oder Krishnamurti gelesen. Es gab auch ein paar Zitate aus der Bibel, wie er meinte, doch die kannte ich nicht, weil ich kein Anhänger der Kirche bin.
Dann begann der eigentliche Darshan. Wie unterwiesen, stellten sich die Besucher von der Bühne weg den richtigen Gang die Ränge hoch an und warteten geduldig darauf, ein paar Worte des Meisters zu bekommen, wie den orangen Punkt heiliger Asche auf das dritte Auge, also genau zwischen die Augenbrauen. Natürlich war ich jetzt neugierig.
Was der Meister wohl jedem zu sagen hat und ob er das stets auf Englisch macht. Mich interessierte sein Geschäftsmodell oder der Name des Euroreichenden Gottes, welches Kloster er besucht habe oder ob er wie ein andere spirituelle Größe morgens erwacht und plötzlich erleuchtet war. Beim Abschätzen der Wartezeit, ich stand etwa an 300. Stelle der Schlange, las ich mir aufmerksam die 14 Bitten zum Verhalten während des Darshan durch, die etwa ein Viertel des gesamten Prospektes ausmachten. Und da, an unterer Position wurde ich meiner Antworten beraubt, denn da stand: „nähert Euch Swami so weit, dass er Euch bequem erreichen kann. Berührt ihn nicht, es sei denn, er fordert Euch dazu auf. Es ist möglich, Swami während des persönlichen Darshans eine Frage zu stellen. Er bittet darum, sich kurz zu halten. Swami beantwortet keine Fragen zu seiner Person.“
Das war es also. Ich gliederte mich aus und genoss in Richtung Ausgang die Klänge der Mantren. Die Musik gefiel mir so gut, dass ich mich unten etwa zwei Meter vor die Tribüne stellte und den Musikern bei ihrer Tätigkeit verträumt zusah. Bis es plötzlich hinter mir zischte, ich eine schiebende Hand in meinem Rücken spürte und in das jetzt noch gespannter und dunkler wirkende Gesicht der Dame im weißen Gewand sah, die 20 Minuten zuvor wie die jungfräulich strenge Lehrerin einer höheren Töchterschule durch die Reihen schlich und Kragen schließen ließ: „Verlassen Sie hier diesen Platz und stellen Sie sich an die Seite. Hier hat niemand zu stehen!“ Ohne Segen und mit einer mir bis dahin nicht gekannten Freundlichkeit verließ ich die Schule und einen Abend, der mich eigentlich spirituell weiter bringen sollte. Dabei vergaß ich, wie ein paar weitere vor und hinter mir laufende und mit dem Kopf schüttelnde Teilnehmer, einen der unzähligen Umschläge mit der Aufschrift „Spende“ zu füllen, die mir bereits beim Betreten angeboten und auf die in der Rede vor der des Meisters deutlich hingewiesen wurde. Und das, obwohl mich mehrere Stapel der Spenden-Umschläge auf dem Weg nach draußen begleiteten.
Frische Luft, endlich. Spiritualität heißt für mich auch, sich von der Intuition führen zu lassen und so steuerte ich fast wie von allein über die Straße in einen typisch Kreuzberger Restaurant. Dort saß ich dann, einen wirklich schmackhaften Hühnerdöner und eine Dose Cola vor mir, inmitten von bestimmt 40 türkischen Fußballfans und sah mir mit ihnen eine Halbzeit des Punktspiels zweier Teams aus Istanbul an. „Zehnter gegen Erster“, erklärt mir mein junger Tischnachbar und: „Wir haben nichts zu verlieren. Galatasaray muss gewinnen, wenn sie oben bleiben wollen.“ Er war ausgesprochen freundlich, wie all seine Landsleute. Irgendwann stellte er seine liebevollen Erklärungen zum Stand der Liga und dem neuen Stadion seines Teams ein, das Spiel hatte ihn gefangen.
Gut Gelegenheit für mich, etwas meinen Kopf zu sortieren. Obwohl mich der Meister doch in meiner Spiritualität weiter bringen wollte, erinnerte mich die von mir freiwillig verlassene Veranstaltung an etwas anderes.
Plötzlich sah ich Parallelen: z.B. zu Parteistrukturen, weil, so glaube ich, sich die Delegierten weltweit und zeit- wie systemübergreifend von den Plätzen erheben, wenn der Vorsitzende zu seinem Platz auf dem Podium schreitet. Und es wohl dieses Wort Parteidisziplin gibt, wenn jemand anfängt Fragen zu stellen, die niemand beantworten möchte. „Sekte“ kam mir auch noch, angesichts des weißummantelten Publikums, den Aufrufen nach Spenden und einer „Gottheit“, die erleuchtet sei und mir niemand sagen konnte, wie der Meister eigentlich groß geworden ist. Das Wort „Abzocke“ kam wie von allein in den Momenten betriebswirtschaftlicher Stille und eine Reihe historischer Vergleiche angesichts kollektiven Gehorsams, auf die ich nicht weiter eingehen möchte.
So ließ ich dönerkauend meine eben gewonnen Eindrücke Revue passieren und war dabei etwas traurig, welcher Schindluder für mich mit dem Wort Spiritualität betrieben wird.  Denn das, was ich im Auditorium gerade erlebt habe war für mich alles, nur keine Spiritualität. Aber leider doch ein Stück wiederkehrender spiritueller Alltag in Deutschland.
Partnerschaft
Danke an die unbekannte Frau in Pankow

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