Unsere Kunstwelt

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Kennen Sie vielleicht solche Momente auch noch aus Ihrer Kindheit? Wir tollten durch den Wald, stundenlang. Mein Vater saß am See und angelte, stundenlang. Mutter saß daneben und las, stundenlang. Tagein, tagaus gab es für mich vor allem eins: frische Luft und viel Bewegung. Dem Nachbarn half ich auf Feld und Hof. Wir tollten in der Scheune, stürzten uns von hoch gehäuften Strohballen. Die Bezeichnungen schmutzig oder sauber für die Kleidung gab es nicht wirklich, außer ein „Das müsste mal wieder gewaschen werden“. Die Wochenendausflüge aufs Dorf zu meiner Oma waren stets ein reines Abenteuer. Zum Einschlafen brauchte ich nichts, außer zu essen, davon natürlich reichlich und mein Bett auf dem Boden des Hauses. Der Wecker schlief unter mir und tat sein Werk allmorgendlich mit kräftigen Kiekerekie.

Wenn solche Eindrücke unseren Kindern heute begegnen, dann in 21 Levels auf dem Game-Boy. Zielgruppe drei bis sechs Jahre, umsatzstärkste Zeit: Weihnachten. Bis zum Verkaufsstart musste unbedingt die lila Pause implementiert und das Schlachtfest durch einen Hinweis auf die Lohas ersetzt sein. Und alles muss fix gehen. Der Verkaufsstart steht bevor, die Marketingmaschinerie rollt bereits. Die gemeinnützige Kampagne unter dem Titel „Hallo ihr Kleinen, Karottenessen ist gesund und macht dich durch die tägliche Kombination mit einer Milchschnitte zu Superman“ wurde unterstützt und nicht zuletzt hat jeder Drei- bis Sechsjährige dabei die einmalige Chance, durch das Beantworten der schwierigen Frage „Wer sieht jünger und knackiger aus – Paris Hilton oder der Papst“, das neue 21-Level-Game-Boy-Spiel (bald auch auf Wii) zu gewinnen, mit dem du endlich hautnah erleben kannst, wie schwierig das Leben damals für Oma und Opa auf dem Land war. Wenn Du nicht schreiben kannst, bitte Deine Eltern für Dich das Gewinnspiel auszufüllen, und vergiss nicht, deine Emailanschrift einzutragen, die dir deine Eltern bestimmt zum Geburtstag schenken wollen. Das ist auch ganz wichtig für Dich, denn falls du nicht gewinnst, hast Du bald die Chance, ein Spiel unserer weltweit stark limitierten Sonderedition zu erwerben, natürlich zu einem Preis, den wir für Dich Dank der Unterstützung von Nutella knallhart kalkuliert haben.
Auch wenn die Geschichte frei erfunden ist, die Eindrücke sind uns nicht so unbekannt.
Natürlich sollen die Kleinen Möhren essen und kräftig heranwachsen. Auf sie warten schließlich wichtige Aufgaben in unserer Gesellschaft. Dort sind sie bald Zielgruppe, Steuerzahler, Absatzmarkt und Wählergruppe. Zu letzter gehört man auch, wenn man kein Steuererwirtschafter ist. Und da dieser Anteil in der Gesellschaft über die Jahre gewachsen ist, stieg parallel dazu die zumindest nach außen getragene Beliebtheit bei den Politikern. Diese Population dieser Schicht hat sich in der jüngsten Vergangenheit gemausert, die oftmals gelebten Werte exzessiven Konsumanspruchs sind mehr und mehr ein Bremsblock der Gesellschaft. Doch was soll´s. Werte hin, Werte her, hier werden Wahlen entschieden und dafür gibt der professionelle Politiker gern seine noch gestern propagierten eigenen Werte auf.
Dieser Mechanismus ist im Grunde nicht neu, diese Erscheinungsform entspricht nur der Modernen. Es geht nicht um ein Plädoyer für den zeitlos geliebten Ausspruch: Früher war alles besser. Nein, es geht darum bewusst wahr zu nehmen, was um uns herum passiert, mit uns passieren soll.
Das, was heute unseren Alltag bestimmt, begann an dem Tag, an dem die erste Münze für den Zahlungsverkehr geprägt wurde. Es war der Tag, an dem die Menschheit begann, sich vehement ins Verderben zu stürzen, begann, ihren eigenen Untergang systematisch zu pflegen. Was vielleicht als Erleichterung im Handel und für den Umgang miteinander angedacht war, hat sich zu einem Krebsgeschwür entwickelt, unter dem wir heute weltweit leiden. Das Geschwür Geld gilt heute als Wertemaßstab und hat dabei unser Leben entwertet. Wenn es heute noch einen Wert von Bestand gibt, dann heißt der Geiz, denn der ist geil.
Die Gesellschaft fragt heute nicht, was wir wirklich benötigen und sie sorgt dafür, dass wir erst gar nicht den Versuch unternehmen, uns dessen bewusst zu werden. Denn hier kommt die Dienstleistungsgesellschaft zum Tragen, sie nimmt uns die womöglich erfolgreiche Suche nach dem Eigenen  ab. Marketingstrategien geben uns Antworten auf Fragen, die wir uns zuvor nie gestellt haben. Sie produzieren in uns Bedarf, dessen Fehlen wir bis eben in keinster Weise bemerkt haben.
Ich kann mich noch gut erinnern, als in unserem Wohnzimmer das erste Schwarzweißbild flimmerte, eine neue Generation Technik auch unsere Familie erreichte. Gebannt verfolgte ich als Siebenjähriger ein Pferderennen, von dem ich ohne Glotze nie Kenntnis bekommen hätte. Genauso gut in Erinnerung liegen mir die Monate der Gespräche im Privatkreis und von Publikationen, in denen es um den dringenden Kauf eines Farbfernsehgerätes ging. Schließlich werde jetzt Fernsehen zum richtigen Erlebnis.
Nun mache ich keinen Hehl daraus, dass ich den kommenden Jahren integratives Bestandteil einer Generation wurde, deren Lebensmittelpunkt nicht zu selten erwähntes Konsumprodukt bildete. Es ging bis hin zu einer Luxusanschaffung mit brillanter Farbtiefe, noch nie dagewesener Bildschärfe und einem Ton, der mir bei Wiedergabe über die angeschlossene Stereoanlage Kinoatmosphäre bescherte. Doch letztendlich endete meine TV-Karriere mit einer Fahrt zum Recyclinghof, die mich auf dem Heimweg nicht über den nächsten Elektronikmarkt führte, um mir einen Kasten zuzulegen, der die neue Generation Fernsehen verkörperte und alles zu einem unvergesslichen Erlebnis werden lässt, mir Bilder auf meine Couch bringt, die heute unbedingt sein müssen, wenn ich dazu gehören möchte. Eine wie selbstverständliche Notwendigkeit, ohne die ich out bin.
Was mich bewog, dann eben „draußen“ zu sein waren Selbstversuche nach Abenden, an denen ich vor Faulheit meinen Hintern nicht hoch bekam, um ins Bett zu gehen. Die Müdigkeit nach wenigen Stunden Schlaf am folgenden Morgen verließ mich den ganzen Tag nicht. So versuchte ich, wenigstens einen Nutzen aus der Energielosigkeit zu ziehen und mir in Erinnerung zu holen, was ich denn bis nachts so Tolles gesehen habe. Meine Ergebnisse waren erschreckend. Und selbst wenn ich mit Hilfe der Zeitung von gestern wenigstens meinen TV-Fahrplan des vorigen Tages zusammenstellen konnte, suchte ich in meinem Kopf vergebens nach dem Platz, an dem die Inhalte der gesehenen Sendung gespeichert sind.
Von dem schon als Kind infrage gestellten Zugewinn für mein Leben habe ich bis heute wenig gespürt. Zugegeben, fernsehen gab mir Informationen und Unterhaltung, schlug mir viel Zeit tot und brachte mir angebliche Entspannung. All diese Erlebnisse hätte ich sicher auch mit unserem alten Schwarzweißgerät haben können. Nur stellen wir uns einmal vor, das Gerät würde wirklich heute noch laufen oder wir könnten diesen geweckten Bedarf mit einem neuen Schwarz-Weiß-Monitor tilgen. Wir würden niemals die Zierde roter Märkte kennengelernt haben, die uns mit der Zeit bei der Einfahrt in nahezu jede europäische Großstadt begrüßt. Nein, darauf wollte auch ich niemals verzichten wollen, denn ich bin ja schließlich nicht blöd.
Und so bilden neue Generationen von Fernsehern, Handys, Spielekonsolen, Kühlschränken mit Eiscrusher und TV-Anschluss, Navigeräten, Reality-Shows, Mario-Barth-Blödelsendungen, Diäten endlich ohne Jojo-Effekt, Deutschlands Superstars mit reifen 17 Jahren, Schweinis wie Poldis und pures Formel 1-Feeling oder neue Trends aus den USA unser Leben, machen den vermeidlichen Sinn unseres Daseins auf Erden aus, wie das Erreichen der verkündeten Topmaße von Heidi Klum nach der vierten Schwangerschaft.
Es muss immer weiter gehen und schneller werden. Wir sollten wie Modells aussehen, um gesund zu sein. Uns wird gesagt, was gesund ist und was nicht, dass Homöopathie wissenschaftlich nicht bewiesen ist und darum umstritten bleibt, aber, wie verwunderlich, die neue Pille die lang ersehnte Heilung bringt. Es wurden Überschallflugzeuge gebaut, weil der Mensch unbedingt von Paris aus in drei Stunden in New York sein musste. Weil die Umwelt so belastet ist, hilft heute eine grüne Plakette. Und wenn wir den Erdball retten können, dann führt Deutschland auch bald die PKW-Maut ein. Auf der Tourismusseite der neuen Tageszeitung wird die Genialität einer überdachten Schnee- und Eiswelt mitten in der Wüste gefeiert, das Umweltthema gehört hier plötzlich nicht her. Weil Deutschland grüner Vorreiter in der Welt ist, verbrauchen die Dienstwagen der Bundesregierung nur zweieinhalb Liter und baut Berlin seinen Flughafen aus. Die Verleihung des Literatur Nobelpreises an Herta Müller überstand die Diskussion in Redaktionsbüros nach Wichtigkeit und Motivation für andere Deutsche nicht lange, dann durften wir endlich wieder erfahren, wie es um die Liebe, den Frauen und Kindern unserer Ex-Tennisstars steht und die Abendausgabe der Nachrichten startet mit irgend einem sensationellen Erfolg eines deutschen Fußball-Dauerbrenners.
Warum sind Nachrichten heute so aufgebaut? Warum beginnen Stunden vor einem Sportereignis die TV-Übertragungen statt diese Hauptsendezeit für Berichte über Engagements zur Meidung weiterer Abholzung der Urwälder zu nutzen? Warum führen wir Kriege auf Friedensmission? Warum müssen Weltmächte überhaupt noch missionieren? Warum finden neue Technologien, die die Märkte von Konzernen beeinflussen können, keine Verbreitung? Warum sind immer noch keine Autos ohne Verbrennungsmotor marktbestimmend?
Weil es noch Öl gibt, wenn auch nicht mehr viel, das es zu verkaufen gibt. Weil die Pharmaindustrie Milliarden Umsätze verbucht, wird alternative Medizin bedeckt gehalten. Weil es immer wieder nur um eins geht. Um Geld.
Und weil es um Geld geht, gibt es Wachstum um jeden Preis. Koste es, was es wolle. Statt Produkte zu fördern, die nachhaltig auf alternative Energien setzen, wird der Markt überschwämmt mit Dingen, die keinen Nutzen haben, wird Bedarf geweckt, der keiner ist. Weil es um Umsätze der Kosmetik-, Sport- oder Modeindustrie geht, füllt eine unendlich pubertierende Hotelerbin, Next Topmodells, stotternde Fußballer oder Schauspieler als Stars in neuer Garderobe die bunten Blätter von Zeitschriften, Startseiten im Internet und Fernsehzeiten mit besten Einschaltquoten.
Es wird nicht Deutschlands Elite gefeiert, die von Hochschulen und Universitäten, aus der Literatur oder Forschung und auch keine Jungunternehmer. Deutschlands Elite bewährt sich in Australiens Dschungelcamp oder besucht Big Brother im Container.
Es werden uns Werte propagiert, die keine Antworten mehr geben. Es sind Werte in unserer Gesellschaft, die sinnentleeren, die allein dem Kapital dienen. Die eigentlichen Bedürfnisse der Menschen bleiben in der breiten Öffentlichkeit auf der Strecke oder werden torpediert. Es werden uns Werte von einem neuen Kommunikationsprodukt vorgegaukelt, das es übermorgen bereits zum Schnäppchenpreis gibt. Und so, wie der Wert einer Kamera über Nacht verliert, es den Glauben an das gute Produkt von heute morgen nicht mehr gibt, bricht momentan viel Wertig- und Glaubwürdigkeit in unserer Zeit zusammen. Das Schicksal der Fotokamera teilen Politiker, Versicherungskaufleute, Mineralölkonzerne, Sportschiedsrichter, Auto- und Immobilienverkäufer und nun auch der Vatikan. Das Streben nach Geld und Profit hat den Blick für den Sinn unseres Lebens und dessen eigentliche Bedürfnisse verloren.
Mit dem Wegbruch der Werte haben die Menschen viel Glauben verloren. Oder, sie wissen einfach nicht mehr, woran sie glauben, wem sie glauben sollen. Das sich selbst mit Stärke dargestellte System bricht zusammen und löst die Aufgaben des Lebens nicht mehr. Es gibt zwar Antworten, doch an die glauben immer weniger. Es wird gerackert und geschuftet und es gibt auch Geld. Doch es fehlt an Antworten, an Zufriedenheit, Glück, Harmonie und Ausgeglichenheit. Das Leben wird verrückter, der Alltag wahnsinniger. Der Drang nach mehr bekommt immer mehr Konkurrenz, von einer kurzen Frage: Worum geht es und wie weiter?
Zumindest zum zweiten Teil der Frage herrscht immer mehr Einigkeit: So nicht mehr.
So wie das Öl immer knapper wird, schwinden die Ressourcen an Bodenschätzen, ist die Natur durch den Menschen an den Rand ihrer Existenz gebracht. Die Kräfte sind erschöpft, Reserven neigen sich dem Ende. Der Umgang mit dem was bleibt will gut bedacht sein. Machen wir so weiter wie bisher wird es uns nicht gelingen, einen Ausgleich für vorhandene Engpässe zu finden.
Wir wissen, das Bisherige hat uns nicht das Glück und Zufriedenheit gebracht. Alle spüren, es muss sich etwas ändern, es muss etwas Neues her. Es muss irgendwie anders weiter gehen. Nur wie?
Kennen Sie diese Fragestellungen – aus Ihrem eigenen Alltag?
Diese Kunstwelt hat die Menschheit von einem weg geführt – von sich selbst. Wir haben verlernt, wir selbst zu sein.
Schließen Sie einmal die Augen und sein Sie ganz für sich allein, so, als ob es das Drumherum nicht gäbe, nur Sie. Lassen Sie sich in die Stille fallen, erfassen Sie das Dunkel vor den Augen als die Unendlichkeit von Zeit und Raum. Sehen Sie sich als Teil dieser Unendlichkeit und achten Sie auf Ihren Atem. Wenn Sie sich entspannt haben fragen Sie sich einmal, wie glücklich Sie leben, wie wohl Sie sich in Ihrem momentanen Alltag fühlen, wie gern Sie Ihre Angestellten sehen oder ob Sie sich auf das bevorstehende Wochenende mit Ihrer Familie freuen. Wenn Sie sich trauen, einmal alles zu vergessen: was Sie gelesen haben, was Ihnen Seminare an Tricks für mehr Erfolg vermittelten, was Ihnen die Zeitung als Richtlinie für einen guten Deutschen gedruckt hat, Ihnen Eltern und Lehrer als gutgemeinte Ratschläge auf dem Weg zu einem vernünftigen Menschen gaben. Wenn Sie sich trauen, einmal nur Antwort auf die eine Frage zu geben: Was will ICH?
Dieser kleine Selbstversuch erzeugt bei den meisten Menschen ein Kribbeln und eine Unruhe im Bauch, die sie kaum aushalten. Es erzeugt ein Gefühl des Ungewohnten und der Hilflosigkeit, was die Augen schnell wieder öffnen lässt. Wenn Sie Auf dem Weg zu sich selbst, beim Fragen nach den eigenen Werten, nach seiner eigenen Vision, nach den eigenen Träumen überkommt vielen ein Gefühl des völlig Ungewohnten, der Angst und Haltlosigkeit. Die Kunstwelt gibt den Menschen vor, woran sie glauben sollen. Sie gibt den Menschen das Geländer, an dem sie sich festhalten können und mit diesem scheinbaren Gefühl der Sicherheit führt sie zugleich die Massen – eben in neue rote wie gelbe Märkte, zu Wahlergebnissen oder zur Entspannung ans Telefon, zur Abstimmung über Germanys next Topmodel.
Das Leben ohne Geländer, das selbstbestimmte Gehen zum Horizont der Träume bilden den Prozess der eigenen Bewusstwerdung. Raus aus der Kunstwelt heißt Mut zu haben. Mut, den Weg zu sich zu finden und mit angeblich Bewährtem zu brechen. Es bedeutet los zu lassen, Bilder auf zu lösen und wahr zu nehmen, was wirklich mit mir selbst und um mich herum passiert. Dabei geht es nicht zwingend darum, ab sofort andere Wege zu gehen und alles Bisherige zu verlassen. Nein, es geht darum, den eigenen Weg zu gehen, ohne das stützende Geländer der Kunstwelt. Und es geht darum, den eigenen Weg bewusst zu gehen, was auch heißt, ihn als Teil des gesamten Netzes von Straßen und Wegen zu sehen. Aber den Weg, den ich gehe, gehe ich, weil ICH es möchte und nicht, weil eine Marketingagentur oder ein Wahlkampfbüro meint, für mich das Beste gefunden zu haben. Nein, das finde ich für mich allein heraus.
Chuck Spezzano: Der Tao-Index
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