Statt Geld anhäufen, die eigenen Werte finden

mal-soübernommen von  Spiegel.de vom 16.November 2011

Karl Rabeder war reich. Dann stieg er aus: Er versteigerte seine Villa, verkaufte seine Segelflieger, Luxuskarossen, Firma und gab den Erlös für einen guten Zweck. Im Interview erzählt er, wie es sich jetzt mit nur 1000 Euro lebt – und erklärt, was Geld und Glück miteinander zu tun haben.

Es war eine der ungewöhnlichsten Schlagzeilen des letzten Jahres: Mit den Worten „ich möchte, dass nichts übrig bleibt“ kündigte der Millionär Karl Rabeder an, sich von seinem Besitz trennen zu wollen. Er verloste seine Villa, knapp 22.000 Menschen erkauften sich für je 99 Euro die Chance, auf 321 Quadratmetern im Tiroler Telfs zu wohnen. Seinen restlichen Besitz verkaufte er, darunter eine kleine Flotte von Segelfliegern.

Den Erlös steckte er in den von ihm gegründeten Verein MyMicroCredit, mit dem er Menschen in der Dritten Welt dabei hilft, sich eine Existenz aufzubauen. Er selbst entschied, künftig mit 1000 Euro im Monat auszukommen. Heute lebt Rabeder in einer 19 Quadratmeter kleinen Almhütte. Er gibt Seminare wie „Glück kann man lernen“ oder „Genug Geld zum Glücklichsein“.

Im Interview erzählt er, ob der Geschäftsmann in ihm noch weiter lebt, was er aus seinem alten Leben noch vermisst und ob er für weniger Betuchte das „Geld-Schwein“ geblieben ist, für das sie ihn früher hielten.

SPIEGEL ONLINE: Herr Rabeder, ist Ihr neues Leben wirklich so toll, wie Sie es sich vorgestellt haben?

Rabeder: Nein, besser. Vor knapp einem Jahr wurde ein Foto von mir aufgenommen, wie ich vor meiner Villa stehe. Wenn Sie sich das heute ansehen, werden Ihnen zwei Dinge auffallen: Ich sehe auf dem Foto mindestens zehn Jahre älter, traurig und müde aus.

SPIEGEL ONLINE: Der Abschied vom Reichtum als Verjüngungskur?

Rabeder: Materielles spielt keine Rolle, es geht mir besser, weil ich nun das lebe, was ich immer schon hätte leben sollen.

SPIEGEL ONLINE: Also war der Weg, den Sie bis dahin beschritten haben, ein Irrweg?

Rabeder: Am Anfang ist Geld natürlich etwas ganz Tolles. Geld schafft zunächst einmal tatsächlich Freiheit. Ich habe schon als junger Mann gearbeitet, um tun zu können, was mir wichtig ist. Ich habe mit 16 mit dem Segelfliegen angefangen, mit 19 begann ich zu studieren, beides hätten sich meine Eltern nicht leisten können. In dieser Hinsicht ist Geld eine wunderbare Sache, die Türen öffnet.

SPIEGEL ONLINE: Wo also lag das Problem?

Rabeder: Ich dachte: Wenn eine gewisse Summe Geld toll ist, muss zehnmal so viel Geld zehnmal so viele Möglichkeiten eröffnen. Doch das ist ein Irrtum, weil die Freiheit irgendwann zur Unfreiheit wird. Es sammelt sich materieller Besitz an, und gleichzeitig entsteht ein System, das einen nicht mehr loslässt. Wenn der Fokus nur noch auf wirtschaftlichem Erfolg liegt, fehlt das, was Menschsein für mich ausmacht.

SPIEGEL ONLINE: Was ist es?

Rabeder: Zu sich kommen, seine Wurzeln finden, spannenden Menschen begegnen, die aus unterschiedlichen Gesellschafts- und Einkommensschichten kommen. Das habe ich zwar auch als Millionär gemacht. Für diejenigen, die selbst nicht so viel Besitz hatten, schien ich aber besonders abschreckend zu sein, ein Geld-Schwein. Mit diesen Leuten war einfach kein intensiver Kontakt möglich.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Umgang mit weniger Betuchten jetzt tatsächlich entspannter, oder haftet das Image des Geld-Schweins weiter an Ihnen?

Rabeder: Wenn sich jetzt jemand für mich interessiert, kann es nicht mehr des Geldes wegen sein. Mittlerweile bin ich einer von vielen, der Kontakt fällt daher jetzt tatsächlich vielen leichter.

SPIEGEL ONLINE: Wie schaut heute ein normaler Tag bei Ihnen aus?

Rabeder: Den gibt es nicht. Die Tage, an denen ich Seminare gebe, haben eine gewisse Struktur. Sonst ist es tatsächlich so, dass ich einfach wach werde, wenn mein Körper wach wird. Dann höre ich in mich hinein und frage mich, wonach mir ist. Meistens beginne ich den Tag mit Qigong. Manchmal kann es sein, dass ich einfach zehn Stunden lang schreibe, weil es gerade so sprudelt. Wenn ich unproduktiv bin, gehe ich in die Berge, auch wenn ich eigentlich einen Abgabetermin einhalten sollte.

SPIEGEL ONLINE: Glauben Sie, dass Geld und Glück einander ausschließen?

Rabeder: Ich glaube, dass der Umkehrschluss richtig ist: Wenn man glücklich ist, braucht man kein oder kaum Geld. Es gibt eine Übung, die ich auch in meinen Seminaren gerne anwende: Schreiben Sie die zehn für Sie wichtigsten Werte auf, und schreiben Sie die Summe in Euro dazu, die Sie dafür benötigen. So kommt man darauf, dass die wichtigsten Dinge im Leben gar keine Dinge sind und dass man sie auch nicht kaufen kann. Ich erlaube mir jetzt, meine Werteliste von oben nach unten zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es irgendetwas, das Sie aus ihrem früheren Leben vermissen?

Rabeder: Lebenszeit. Ich habe 20 Jahre lang gespürt, dass mein Leben, so wie ich es geführt habe, nicht zu mir passte. Und trotzdem habe ich es nicht geändert.

SPIEGEL ONLINE: Hat es jemanden aus ihrem Umfeld gegeben, der sich von Ihnen abgewendet hat?

Rabeder: Nein, vermutlich weil ich mich mit solchen Leuten auch davor nicht abgegeben hätte. Mir ging es immer um den Kontakt von Herzen und nicht darum, unter Meinesgleichen zu sein. Mir waren sehr Wohlhabende immer suspekt, weil ich gemerkt habe, dass sie sich nur über ihren Besitz definieren. Doch dahinter verbergen sich Menschen wie du und ich, mit denselben Problemen und Sorgen. Nur nach außen hin setzen sie sich eine Maske auf, die suggerieren soll: Es ist alles wunderbar, ich bin reich und glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind nach wie vor sehr umtriebig. Sie geben Seminare, Sie haben ein Buch („Wer nichts hat, kann alles geben“) veröffentlicht. Lebt der Geschäftsmann in Ihnen also doch weiter?

Rabeder: Menschsein heißt nicht, nichts zu tun. Beruf darf ja von Berufung kommen. Wenn ich einem Beruf nachgehe, der mir Spaß macht und mir guttut, übe ich ihn gerne aus. Ich könnte mir nicht vorstellen, jeden Tag nur auf der Terrasse zu sitzen und die Füße in die Sonne zu halten.

SPIEGEL ONLINE : Kommen Sie mit den Einnahmen aus Ihrem Buch, Ihrer Tätigkeit als Coach und den Beiträgen der Seminarteilnehmer nicht über die 1000 Euro im Monat?

Rabeder: Derzeit sind die Einnahmen nicht so umwerfend. Sollte es tatsächlich einmal mehr sein, weiß ich schon, was ich damit mache. Der Großteil meines Vorschusses für mein Buch ist beispielsweise in den Ausbau von MyMicroCredit geflossen. Ich habe nicht vor, auf meinem Konto Geld anzuhäufen. Mir geht es mit dem jetzigen Zustand zu gut, als dass ich daran etwas ändern möchte.

Das Interview führte Sonja Kainz

Dialog mit Claudia
Märchen für Erwachsene

4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

  • Rainer Jeschonek
    16. November 2011 13:46

    Der Artikel/Herr Rabeder sprechen mir aus dem Herzen. Konsequente Veränderungen meines Lebens bildeten den Mittelpunkt meines diesjährigen Sommers. Bis dahin lebte ich im eigenen Haus (ok, es gehörte der Bank) mit Garten. Zum Anhäufen von großem Reichtum wie bei Herrn Rabeder hat es nicht gereicht.

    Doch den Gewinn an Leben habe ich genauso empfangen. Ich wohne in einer kleinen Wohnung, brauche deutlich weniger Geld und habe vor allem eins, was ich bislang so nicht kannte: ZEIT und GLÜCK.

    Zeit für mich, Zeit im Wald walken zu gehen, Zeit für andere liebe Menschen und mache endlich das, was mein Herz begehrt. Ich freue mich auf meinen „Raum für Stille und Balance“, in dem ich u.a. meine Erfahrungen gern an andere weitergeben und Mut zur Veränderung geben möchte. Ich habe ein für mich wahres Glücklichsein kennen gelernt, das mir fremd war. Ich bin heute glücklich. Der Gewinn meiner veränderungen ist ein Leben in bislang unbekannter Schönheit:-))

    Antworten
  • Lieber Rainer, du sprichst mir aus der Seele. Ich war letztens in der Bernauer Bibliothek und habe bei den Hörbüchern rumgestöbert. In die Hände fiel mir „Vereinfachen Sie Ihr Leben!“ von Elaine St. James aus dem Hause Aufsteiger Verlag, welches amerikanische Werke uns deutsprechenden Menschen näher bringen möchte. Die Bestsellerautorin Elaine St. James bezeichnet sich selbst als „Einfachheitsexpertin“. Einige Tipps sind veraltet, da das Original aus dem Jahre 1994 ist.

    Dennoch: Ein Hörbuch zum Nachdenken und Innehalten mit vielen praktischen Tipps. Das bewusstere (Er-)Leben, um Glück (wieder) zu empfangen und weiterzugeben, ist für mich wieder Lebenslust pur.

    Im normalen Alltagtrott vergisst man doch immer wieder die wirklich wahren Schätze im Leben ;o)

    Dir liebe Grüße

    Silke

    P.S. Ich freue mich schon auf das BusinessFrühstück in deinen Räumen.

    Antworten
  • https://www.bewusstheit.org/advaita_vedanta.htm

    Hallo lieber Rainer, ja wir beide können endlos lange über diese Thema philosophieren. Schön ist, dass wir das beide in einer grossen Wertschätzung gegenüber dem anderen tun können: Danke.

    Für Dich und Deine Leser hier habe ich den Link oben eingefügt, der meiner Meinung näher kommt.
    und hier unten einen Auzug aus dem sehr lesenswerten kostenlosen E-Bock von A. Ackermann:

    „Lügen Sie sich nicht in die eigene Tasche, in dem Sie behaupten, Sie wollen das ganze materielle Zeug nicht.
    Es ist normalerweise nur eine dumme Ausrede für die Unfähigkeit, sich auch materielle Wünsche erfüllen zu können.
    Sie sind nicht zufällig in eine materielle Welt inkarniert.
    Es gehört vermutlich mit zu Ihren Aufgaben für dieses Leben, sich mit der Materie auseinander zu setzen.
    Wir brauchen die Formen, um über die Formen zu den Inhalten zu kommen.
    Das Ziel der Ziele liegt allerdings auf einer Ebene, die hinter den Formen, hinter den materiellen Dingen zu finden ist.
    Dieses Ziel ist ein Seinszustand, der alles übertrifft was Sie kennen oder sich auch nur vorstellen können.
    Es ist ein paradiesischer Seinszustand, in dem es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt, nur die Einheit.
    Die totale Verschmelzung mit der göttlichen Energie wo alle diese materiellen Ego-Dinge keine Rolle mehr spielen.“

    Sag mir doch mal einer, wozu die Menschheit sich entwickelt hat, wenn es heute zum Non-Plusultra erhoben wird, das alles angeblich nicht zu brauchen. Warum sind wir dann noch als Materie hier, wenn Materie-lles nicht wichtig ist?

    Liebe Grüße
    Renate

    Antworten
  • Liebe Renate,

    wozu haben wir uns so entwickelt, warum? Keine Ahnung, warum wir in dieser Form geschaffen worden sind, warum die Menschheit sich entwickeln sollte, wie sie es getan hat. Antworten auf all diese Fragen zu finden heißt für mich, das Universum in seiner Ganzheit verstehen zu wollen…und dies in der menschlichen Beschränktheit des Erfassens von Zeit. Ein Ding der Unmöglichkeit.
    Also habe ich losgelassen von dieser Fragerei. Es ist aussichtslos. Dafür habe ich begonnen, die Wirklichkeit, das Heute, Jetzt, wahr zu nehmen – seither wird es leichter, schöner. Ich nehme mich und meine Umgebung bewusster wahr.

    Das hat auch zum Loslassen materieller Anhaftungen geführt, von Ängsten befreit. Und freue mich, dass es immer mehr Menschen so geht. Setzt Du grad Materie mit Materiellem gleich? Wo bleiben Geist und Seele? Wo bleiben da Luft, Erde, Wasser, Tiere, Pflanzen, Schwingungen?

    Es lebe das Zeitalter des Wertewandels und der Bewusstwerdung:-))

    LG Rainer

    Antworten

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